Lichtblicke

Es war so ungefähr der dritte Versuch den Herrn Bezugspfleger zu erreichen.
Endlich erwischte ich ihn. Wieder einmal war er im Stress. Ich könne auf die Station kommen, keiner legte ein Veto ein. Ich war so unendlich erleichtert. Was für ein Lichtblick.
Nun heißt es Montag wieder anrufen und gucken, ob es noch am selbigen Tag klappt oder am Tag drauf, somit packe ich morgen meinen Koffer. Ich erreiche immer mehr den Punkt, an dem nichts mehr gehen wird. Doch ich gebe nicht auf. Sko ist mir gerade eine große Hilfe. Sie ist viel bei mir. Wir reden und schweigen zusammen. Wir spielen Skippo und reden über belanglose Dinge und mal über ernste Dinge. Ich bin jeden Abend froh, wenn ich einen weiteren Tag geschafft habe. Müde, so unendlich müde. In mir hallen oft Sätze wieder. „Ich will nicht mehr leben.“ Irgendwie sind es nicht meine Sätze und doch sind sie es. Ich mache keine Dummheiten, umsorge mich. Doch aus mir fließt die Kraft und der Optimismus. Ich bin gelähmt und so erschöpft. Es wird sicher besser werden, es gibt genug Frauen, die mit so etwas leben müssen und leben können. So recht weiß ich nicht, warum es bei mir gerade nicht mehr geht. Ist vielleicht auch egal. Ich suche mir Hilfe. Es fühlt sich nicht mehr wie ein Scheitern an. Wer kann damit, mit solch einem Klotz, schon alleine klar kommen. Scheitern wäre alles, was ich gelernt habe, zu vergessen und mich in Blut und Wein zu verlieren. Scheitern wäre vor die Wand zu fahren. Doch eben das will ich ja nicht. Ich bin so dankbar Sko und Julius zu haben. Beide stehen mir bei, einfach so. Das tut gut. Wenn es Montag noch nicht klappt mit dem freien Bett, gehe ich wohl auch wieder arbeiten, einfach damit die Tage voller sind und schneller vergehen. Es ist eine Gratwanderung. Nicht die Erste und nicht die Letzte. Somit habe ich mein Rüstzeug.
Langsam hüllt mich Schweigen ein. Müde. Und ich blicke gen Himmel und starre in die blaue Leere. Atmen. Und überleben.

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Notbremse

Was soll ich sagen. Für mich ist es ein großes Scheitern. Ein Versagen. Doch ich weiß, dass ich das Richtige tue und Selbstfürsorge betreibe. Gleichzeitig tut es weh nicht klar zu kommen und wieder, mal wieder einen Einweisungsschein für die Psychiatrie in den Händen zu halten.

Seit Dienstag bin ich krank geschrieben. Ich war noch zur Arbeit und merkte, dass nichts mehr ging. Angst, Aggressionen und immer wieder Intrusionen. Niemanden mehr konnte ich ansehen, mit Niemanden reden. Ich wollte mich auf die Arbeit konzentrieren, meinen Job machen. In mir lief doch nur ein alter Film und es schrie in mir. Der Tresor zog mich nieder und drückte jeder Kraft aus mir. Ich verlor mein Alter, die Jahreszahl. Ich hätten noch jemanden grundlos angeschrien. Und so zog ich mich nach Hause zurück und war dankbar für den Termin bei meiner Psychiaterin. Doch da war ich schon nicht mehr klar im Kopf. Ich reichte ihr einen Zettel mit den Erinnerungen. Am Tag zuvor geschrieben und zum ersten Mal in Tränen und Weinkrämpfen ausgebrochen. Ich ertrage keine Nachrichten mehr, keine Wörter mehr. In mir weint und schreit ein Kind. Und so saß ich dann vor meiner Ärztin. Eine gute Mutter müsse ich sein, doch ich habe keine Kraft mehr. Da ist dieses verletzte Kind, was nur noch schreit. Und hinzu kommt der Anteil, der alle Angst und Schwäche niederknüppeln will. Jetzt komm mal klar, was stellst du dich auch wegen so alter Dinge so an…. Ich bin unglaublich müde und schwach. Aufstehen, Essen, nicht durchdrehen, das kostet Kraft. Ich kann es nicht fassen, will es nicht glauben müssen. Will dass ich mich selbst belüge. Doch ich kann es wohl nicht mehr. Zu viele Erinnerungen, zu viele Bilder, zu viel Angst.
Und so hoffe ich auf meine bekannte Station zu gehen, um Kraft zu tanken und Hilfe für den Umgang damit zu bekommen. Meine Therapeutin ist im Urlaub, ich habe gerade keinen. Mein Körper tut weh, mir ist oft übel. Ich boxe mich aber durch. Denn es ist nicht sicher, ob ich auf meine Station kann, denn die NET ist ja noch nicht so lange her. Was wenn es eine andere Station wird? Kann mir das überhaupt helfen? Kann das überhaupt wieder leichter werden, weniger weh tun? Ich kann es nicht fassen. So viel Schmerz und Gewalt. Kann man damit leben? Kann es leichter werden? Können Jahre weniger wiegen? Ich möchte leben, ich möchte nicht, dass es so schmerzt und mich hindert, doch die Kleine, die steckt fest. Immer und immer wieder erlebt sie es und zeigt es mir. Ich erkenne mich im Spiegel nicht mehr. Sehe seine Augen, wo meine sein sollten. Doch ich will jetzt nicht ungeplant in die Klinik, will nicht Hals über Kopf handeln. Ich möchte nicht ins Drama fallen, sondern stark sein. Ich möchte es mir beweisen, dass ich das tragen kann. Sie hat es doch auch so lange getragen, die Kleine. Doch was mache ich wenn ich nicht auf die Station kann?
Plan B wäre die Station wo ich war, als der Nachbar mich angriff. Geht das wohl? Ich weiß es nicht. Ich hoffe einfach, dass ich kommen kann. Dass am Montag ein Bett für mich frei ist. Damit ich sicher bin und die Verantwortung für Haushalt und Kochen abgeben kann.

Sko wird ein paar Nächte die Woche beim Kater schlafen, Julius kümmert sich. Kompliziert, wird es mit der kommenden Walpurgisnacht. Doch das ist gerade nicht mein Problem, bzw darf es nicht sein. Denn alle Frühwarnzeichen einer Krise sind erfüllt. Somit heißt es gut auf sich achtgeben, es sich gut gehen lassen und alle Vorbereitungen treffen.
Ich schaffe das. Ich habe schon ganz andere Dinge geschafft, denn ich habe diese 3 Jahre Hölle überlebt. Darum lasse ich mich von diesen Erinnerungen und Erkenntnissen jetzt nicht völlig in die Knie zwingen. Mein Weltbild zerbricht erneut, denn er war in eben diesem der Einzige, der mir nicht weh tat. Doch nun weiß ich, dass er nur der wahre Dämon ist. Das Monster. Es ist nicht meine Schuld, ich war nur ein Kind, was hätte ich denn tun sollen?

Jetzt im Hier und Heute kann ich handeln und ich sorge für mich und das Kind in mir. Bevor ich völlig versumpfe, suche ich mir lieber Hilfe.

Ein unschuldiger Blick

Es ist Sonntag und das Wetter hier in Bixxx ist die beste Ausrede, um einfach mal im Bett zu bleiben. Der Regen hat zwar aufgehört, doch es ist bewölkt und warm auch nicht so recht.
Ich hänge bei Sko in der Wohnung rum. Sie mistet aus und ich ändere all ihre Passwörter. Sicherheit und so. Nun ja. Ich lasse sie wuseln und beschäftige mich mit dem Laptop. So unsere Abmachung, einfach weil sie sich alleine so schlecht aufraffen kann. Später fahren wir zu mir und machen Pfannkuchen. Wahrscheinlich verbringt sie auch auch wieder die Nacht bei mir. Im Moment bin ich unzufrieden mit mir, so ein wenig. Ich esse viel Süßkram und den Morgensport lasse ich aus Faulheit und verspannten Nacken gerne mal ausfallen. Ich nehme mir jeden Tag vor weniger zu essen, klappt eher nicht so. Es wäre einfach so toll wieder mein altes Gewicht zu haben. Stattdessen kleben die Kilos aber an mir. Würde ich mal konsequenter sein, wäre das alles kein Problem. Ach ja. Das ist aber ein kleineres Problem, wirklich. Ich versuche hier mir mal den Druck zu nehmen und meinen Popo hoch zu kriegen wie es halt geht und nicht wie es muss. Sko und ich gehen immer mehr Dinge für den Ausstieg an. Ich überlege wirklich, ob wir auf Dauer zusammenziehen, einfach weil es schön wäre. Nur ist das gerade auch wieder zu viel Druck. Ansonsten komme ich aber erstaunlicher Weise gerade ganz gut klar. Die Erinnerungen sind gut verpackt im Safe. Ich kann mich abgrenzen und gehe meiner Arbeit ernst und gewissenhaft nach.
Ich lebe mein Leben sehr intensiv gerade. Treffe Freunde, gehe raus und erlebe schöne Dinge. Die Zeit des Verkriechens ist vorbei.
Nur fällt mir oft auf, dass ich diesen unschuldigen Blick auf die Welt vermisse. Ich merke es an meinen Kollegen. Die vielleicht keine Gewalterfahrungen oder Missbrauchserfahrungen haben. Sie haben diese Leichtigkeit, diese alltäglichen Sorgen und Nöte, die ich mir manchmal auch wünsche, oder sie Sko wünsche. Anstatt dieser Probleme, wo es um Leben oder Sterben geht.
Mir selbst fehlt dieser Blick selbst, seit ich weiß, was mein Bruder tat. Ich sehe die Welt nicht mehr so wie früher. Es ist als seien die Schatten tiefer geworden und das Licht blasser. Manchmal frage ich, warum Menschen wie Sko oder Menschen wie ich überhaupt so um ein Leben kämpfen, wenn Jahre von diesem Leben einfach nur grauenhaft waren? Ist unser Lebenswille so stark, dass keiner aufgeben mag, oder sind es die kleinen Momente der Ruhe, die es lebenswert machen?
Es fällt mir schwer auf der Arbeit in der Frühstückspause Unterhaltungen zu hören. „Hast du von der versuchten Vergewaltigung gehört?“ Betroffenes Kopfnicken. „Ja schlimm so etwas.“ „Ich könnte damit nicht leben.“ Schweigen. „Gut, dass uns das nicht passiert.“
Ich sitze daneben und trinke Kaffee. In mir sind wieder die Bilder aktiv. Ja gut, dass ihnen das nicht passiert ist. Ich lächle und gehe. Ob sie wissen, dass es viel mehr Opfer gibt, als die Zeitungen Seiten haben?

Histrionisch Klappe, die was auch immer

Kopfmacken habe ja so ihre Tücken. Das weiß wohl jeder mit Kopfmacke und dann auch zwangsläufig die Personen, die diese Kopfmacken-Tücken der Kopfbemackten mit erleben dürfen. In diesem Falle sollte man entweder Popcorn holen oder den Sicherheitsgurt anlegen.
Da ich mir manchmal einrede doch nur eine sehr kleine Kopfmacke zu haben, knallt mir meine doch recht große Kopfmacke umso lieber mal wieder durch. Vorzugsweise auf der Arbeit, damit der Knalleffekt größer ist und es mehr mitkriegen.

Doch zuerst muss das Chaos passend sein. Man nehme also eine recht müde und verwirrte Alice, packe ordentlich Stress hinzu und zwei Kollegen, die gerne über andere lästern. Dann würze man das Ganze mit einem Termin beim Chef mit der Bildungsbegleiterin und der Fachanleiterin.
Diskussionsgrundlage die Gestaltung der Online- Verkaufsmöglichkeiten. Als Beilage die Planung meines Arbeitsplatzes und als Zuckerstück das Appellieren an meine konzeptionellen Fähigkeiten.

Was dann aus dem Ofen kommt ist eine Drachin, die nicht so recht schalten kann und ja irgendwo von der dünnen Höhenluft mehr als nur beduselt ist.
Die Runde diskutiert also. Haben die denn keine Ahnung was die Corporated Identity des Steinhauses ist? Die Runde dreht sich im Kreis. Mein Gott wann kommen die denn mal zum Punkt. Der Chef erklärt. So weit waren meine Kollegin und ich auch schon. Die Bildungsbegleiterin bremst alles aus. Na wunderbar jetzt kommt wieder die Behindertenschiene. Wer braucht denn hier Schutz. Der Chef redet weiter. Was will er denn eigentlich????
Die Drachin wird langsam bissig und hört brav zu. Der Chef macht einen Witz. Ahh sehr gut. Dann die Frage analog oder digital?? Und ja darauf springt die Drachin dann an. „Analog, ich bin ja froh, wenn manche Kollegen den PC an kriegen.“

Stille.

Und bam ist der Drache weg und eine ziemlich irritierte Alice sitzt da. Was ist denn da bitte gerade passiert. O-Ton Bildungsbegleiterin: „Also wenn sie so zu Kollegen sind und ihnen die neuen Pläne präsentieren, würde ich an deren Stelle nicht mit ihnen zusammen arbeiten wollen.“

Stimmt, kann ich bitte auch nicht mit mir zusammenarbeiten?

Meine Fachanleiterin ist auch leicht irritiert. „Werde bitte nicht überheblich.“

ICH BIN NICHT ÜBERHEBLICH, ich bin nur zu beschäftigt, um mir lange Reden anzuhören. Ne bin ja mal so gar nicht überheblich.
An dieser Stelle würde ich dann mal gerne im Boden versinken.

Am nächsten Tag blieben Drache und Alice daheim, zur Arbeit ging eine sehr stille J. die die Fachanleiterin mehr als nur einmal fragte, ob sie sich entschuldigen könne für das dumme Verhalten und ob sie jetzt gehasst werde.
J bangt jetzt, dass der Chef sie hassen könnte oder die Bildungsbegleiterin ihr Morgen eine Standpauke hält. OH MEIN GOTT. Am besten Blumen kaufen, einen Kuchen kaufen und sich auf Knien für das Dumme und unseriöse Verhalten entschuldigen.

An dieser Stelle übernimmt dann Alice mal wieder. Und ja ich denke mir auch nur, was zur Hölle hat mich denn bitte gebissen???
Also mit der Bildungsbegleiterin darüber sprechen. Thema, wie kann ich seriös bleiben und sachlich in mir scheinbar völlig merkwürdigen Situationen. Und bitte nicht vom O-Ton des Steinhauses anstecken lassen. Kurz. Meinen bissigen Humor im Zaum halten. Erst Recht vorm Chef. Er war ich zu demütig und jetzt bin ich zu hochmütig. Klar den Mittelweg finde ich ja auch viel zu einfach.
Die Frage ist nun, erkläre ich dem Chef, dass ich mein Verhalten selber unpassend fand, oder würde es das nur schlimmer machen. Es ist zum verrückt werden, war ich so lange ohne Arbeit oder unter Menschen mit Kopfmacken, dass ich nun sozial untauglich bin….ich glaube es ja nicht.

Was für ein Spiel und Spaß mit Kopfmacken, was für ein Drama. Man könnte ja glatt denken ich sei histrionisch.

Traumatisiert

Irgendwann ist ja eigentlich egal, sagt Sko. Wie oft es war oder wie lange. Ist es auch. Ab einem Punkt ist es egal. Die letzte Nacht war eine Ausnahmeerscheinung. Ich bekam einen Flashback, es tat weh und aus einer Ahnung wurde wieder eine Erkenntnis mehr. Ich war gefangen, konnte mich nicht bewegen. Nur mein Kopf ruckelte hin und her, ich weinte, ich schrie lautlos. Es dauerte gefühlte Ewigkeiten, doch es waren nur 20 Minuten. Irgendwann konnte ich das Licht wieder anmachen. Ich lag im Bett und wollte eigentlich schlafen, daran war nicht mehr zu denken. Ich brauchte sehr lange, um überhaupt den Notfallkoffer zu nutzen. Bilder, Körpergefühle und massive Übelkeit. Irgendwann saß ich heulend und kotzend im Bad, einen Kühlakku unter mir, bis mein Bein völlig taub war. Ich merkte nichts mehr. Atemübungen, Tresor. Half eher wenig. Panik, Klinik? Ich entschied mich für etwas anderes. Zum ersten Mal griff ich auf mein Notfall Tavor zurück. Zum ersten Mal überhaupt. Es wirkte wohl irgendwann und heute um 6 Uhr war ich wach und munter. Gewohnter Tag. Warum auch Klinik. Ab zur Arbeit. Anspannung, Bilder, Ahnungen. Egal. Therapeutin geschrieben, Therapeutin ruft an. Hilfe. Grauen in mir, Wut auf mich, Wut auf ihn. „Ich füchte, so schlimm es ist, Sie müssen das aushalten gerade.“ Wieder Tresor, diesmal mit Erfolg. Sko ist da. Wieder muckeln uns an, lachen uns an ich rede ihr ein Kotelett ans Uhr, mindestens. Doch es ist okay. Ich hasse mich dafür so zu sein. so Borderline. So schwankend. Lachen und weinen zu gleich. Reden, weil sonst der Boden sich auftut, Lachen, weil sonst der Gedanke zu leben unerträglich wird. Und wieder schallt in mir die Drei. Und die leise Frage, auf die es keine Antwort gibt, waren es drei Jahre? Ich hinterfrage es nicht mehr. Es zog sich über Monate, warum also nicht. Ich weiß es nicht. Und macht es jetzt noch einen Unterschied. Wohl kaum.
Manchmal will ich einfach nur noch aufgeben, kann man damit leben, will ich damit leben?
Dann sehe ich die Silbervirtrine vor mir, sehe die Sonne, blühende Büsche, sehe meine Freunde, spüre die Katernase. Klar kann man damit leben, das tue ich nun seit 21 Jahren. Nein ich lebe weiter. Immer weiter. Egal wie schwer, egal wie hart. Ich will leben und frei sein. Das lasse ich mir nicht auch noch nehmen. Ich will das Leben weiter atmen.

Geschafft!

Es ist endlich vollbracht. Seit zwei Wochen arbeite ich nun schon an der neuen Silber-Ausstellung. Ich habe ausgesucht, poliert, recherchiert, das Alter, Herkunft und Hersteller bestimmt. Mühsam die Preise errechnet und das Ganze noch in den Katalog gesetzt. Heute habe ich die Vitrine bestückt und was soll ich sagen, ich bin stolz und zufrieden. Meine erste Ausstellung im Steinhaus. Ein wunderbares Gefühl. Auch habe ich heute meine Therapeutin vor ihrem langen Urlaub das letzte Mal gesehen. Ein blödes Gefühl. Meine Stimmung ist dennoch gut und egal ob da schon wieder eine neue Erinnerung an einen Übergriff ist, ich lasse mir das nicht kaputt machen. Nicht heute.

Mit Sko habe ich sogar drauf angestoßen, Alkoholfrei. Sie hat heute einen unendlich schweren Tag, ich hoffe ich konnte ihr ein wenig beistehen. Wir haben ihr Sofa zusammengesetzt und geredet. Mal wieder über den möglichen Ausstieg und Besonderheiten in der Wahrnehmung bei Menschen mit DIS. Es war schwer, doch irgendwie auch wichtig und richtig. Sie ist meine Schwester im Herzen.

Die Fotos der Ausstellung will ich nicht vorenthalten. Also hier Trommelwirbel bitte 🙂

Vom Träumen

Immer und immer wieder träumte ich. Kaum war ich auf der Welt und denkendes Wesen, so begann ich zu träumen. Ich träumte mich fort in meine Bücher oder Animes. Ich träumte von einer anderen Welt, von einer Zukunft. Ich träumte und verfolgte lange einen Traum. Innenarchitektin werden. Auch wenn ich im Herzen lieber Archäologie studiert hätte. 2 Jahre Fachabitur und 6 Jahre Studium, sowie 3 Jahre hier in Bixxx lief ich meinem Traum hinterher. Es war so hart und so grausam immer und immer wieder zu merken, dass ein Traum auch ein Albtraum werden kann. Ich gab also still und heimlich diesen Traum auf. Irgendwie. Stattdessen erfüllten sich spontan kleine Träume. Wie meine Wohnung mit den bodentiefen Fenstern, mein zauberhafter Kater, doch vor allem fand ich wunderbare Freunde. Und in Sko jemanden mit dem ich mein Leben teilen möchte.
Und während ich so lange ums überleben kämpfte und vieles verlor, verlor ich auch meine Träume. Doch langsam regt sich da etwas in mir. Ich möchte wieder träumen. Ich liebe meine Arbeit und kann mir vorstellen dieser mehr als nur zwei Jahre nachzugehen. Ich liebe es diese Mischung aus Innenarchitektur, Texterin und Gräberin in der Vergangenheit. Aus einem Zufall wird ein neuer Traum. Dort im Steinhaus bleiben. Und seit Sko in meinem Leben ist, wächst der kleine Traum einer wunderbaren gemeinsamen Wohnung. Doch auch ein sehr alter und sehr trauriger Traum schleicht sich wieder in mein Herz. Der Traum von einer Partnerschaft. Von einer Ehe. Einem gemeinsamen Alt- werden.

Und an all diesen Träumen arbeite ich weiter. Ich gebe im Steinhaus mein Bestes und achte dabei auf meine Gesundheit/ Psyche. Ich werde eine Therapie machen, um mein Angst vor Männern zu mindern, ich mache Kurse um vielleicht ungezwungen mit dem anderen Geschlecht in Kontakt zu kommen. Ich werde für die Wohnung sparen. Das alles braucht Zeit und Mühe. Doch ein Traum ist niemals leicht zu erreichen. Und eben weil ich Träume habe ist mir eines klar geworden. Ich lebe wieder. Ich lebe wieder oder noch und das trotz allem. All dem Leid meines Lebens und all dem Schmerz zum Trotz. Und in diesen Stunden, wo der Schmerz schwindet, bis er wieder zurück kommt, in diesen Momenten, schmeckt das Leben umso süßer. Jeder Tag, den ich lebe, bin ich am Ende immer froh, dass ich genau dieses tue. Leben.

Atmen bitte

Es ist endlich Samstag, das Wochenende habe ich herbei gesehnt. Die Woche war mir zu viel los und zu viel im allgemeinen. Meine Wohnung habe ich heute gründlich geputzt, den Einkauf, trotz Panik und dem Bedürfnis den schreiend aus dem Laden zu rennen, gemeistert.
Mein Alltag fällt mir im Moment recht schwer. Während meiner Arbeitszeit kann ich alles ausblenden und mich auf meine Aufgaben konzentrieren. Doch kaum fahre ich mit dem Rad heim überrollen mich oft die Bilder von den verschiedenen Missbräuchen.

Manchmal dreht sich die Welt zu schnell für mich, einfach zu schnell. Zu viele Eindrücke und zu Vieles, das passiert.  Ich bin müde. Erschöpft. Ich laufe durch die Zeit und durch die Wochen. Es ist eine gute Zeit, eine bunte Zeit. Das Laufen ist aber so immens anstrengend und wenn es dann ruhig wird, überspült mich eine Welle der Trauer, der Melancholie. Blanker Schmerz hält mich umklammert. Ich schließe meine Augen und dann sehe ich ihn, seine Augen, diese wunderschönen Augen in denen der blanke Wahnsinn flackert. Sehe wie Bosheit sein Gesicht entstellt, sehe mich selbst von Außen, sehe mich als Kind, wie ich weine, schreie und aufgebe.

Die Bilder und die Gefühle ruhig zu halten, die Körpergefühle zu ignorieren, dass kostet viel Kraft. Mehr Kraft als ich habe. Es geht mir nicht wirklich schlecht. Ich gehe meiner Arbeit gerne nach, ich freue mich jeden Tag auf meine Aufgaben. Ich treffe meine Freunde und pflege Beziehungen. Pflege meine Wohnung. Wäre es nicht nur so anstrengend, wäre ich nur nicht ständig so bleischwer. Wäre in mir nicht diese Erkenntnis, wäre in mir nicht der Schmerz, wäre wäre. Es ist wohl kein Wunder, dass es mich müde macht. Wer könnte es mir verdenken.

Umso schöner ist es, dass ich seit gestern Abend irgendwie Ruhe im mir habe, vor den Bildern. Ich fühle nicht mehr diese ekelhaften Dinge und ich spüre keinen Schmerz mehr in meinem Bein. Die hoffentlich baldige Körpertherapeutin D hatte mich zum zweiten Vorgespräch geladen. Es dauerte lang und ich konnte mal eben alles runter rattern. Frau D ist sehr kompetent und eine warme Frau, die lange in einer Klinik gearbeitet hat. Es ging deutlich um meine Traumatisierung. Um die Folgen. Ich erklärte ihr, dass mich seine Taten nicht los lassen im Moment, wie schwer alles ist. Sie schlug die Tresor-Übung vor. „Kenne ich, hilft nicht. Schaffe es nicht.“ „Die muss man ja auch anleiten.“ „Oh, dass machte niemand bei mir.“
Also probierten wir es. Ich stand an einem stürmischen Fjord auf einem langem altem Steg. Berge schossen felsig und karg in die Höhe. Ein Tunnel hatte mich durch den Berg gebracht. Dann sollte der Tresor erscheinen. Mannshoch schwebte er mir aus dem Wasser empor. Ich legte meine Linke auf den Tresor und die Tür schwang auf. Viele kleine Fächer mit Schubladen aus Holz waren zu sehen. Nun sollte ich den ersten Übergriff auf etwas bannen, was ich in den Tresor legen könnte. Eine Schriftrolle erschien über mit meinen Worten beschrieben, ich rollte sie ein und legte sie in ein Fach. Dann die erste Vergewaltigung. Es gelang mir kaum. In mir flackerte Rot auf und die Rolle zerfiel ständig. „Vielleicht brauchen sie etwas Stabileres, als Papier?“ Mir kam eine Dokumentation in den Sinn. In meinen Händen rollte sich eine Schriftrolle aus Kupferblech langsam zusammen. Ich lud sie in ein Fach. Die zweite Vergewaltigung war tonnenschwer. Somit erschien ein Zylinder aus Marmor auch über und über mit Worten beschrieben. Ich schob auch diesen in den Tresor. Dann musste die Tür geschlossen werden. Sie klemmte. Ich ölte sie und warf mich mit meinem ganzen Gewicht gegen die Tür. Wieder legte ich die Hand auf, der Tresor schloss sie. „Geh“ und langsam glitt er in den Fjord hinab. Ich schritt durch den Tunnel und verließ diese geheime Bucht. Und dann lag der Berg hinter mir und ich stand in einem Feld voller Sonnenblumen, die sich im Sturm bogen.
„Wie geht es Ihnen?“ Mein Blick löste sich von der Steckdose, die ich während der Imagination fixiert hatte. „Irgendwie gut.“

Und immer nun, wenn sie die Erinnerungen aufdrängen wollen, sehe ich den Fjord, sehe die Schriftrollen. Doch keine Bilder der Taten mehr. Seit gestern bin ich irgendwie freier. Vielleicht auch ein bisschen leichter.

Ein ruhiger Moment

Müde bin ich, wie so oft. Meine Nächte sind intensiv, gespickt mit wirren Träumen, in denen meine Familie, vor allem meine Geschwister eine große Rolle spielen. Und immer bin ich in den Träumen am falschen Ort und werde von allen Orten verdrängt.
Auch wache ich öfter auf, habe Schmerzen im Bein. Dann meinte mein Nachbar zur Rechten noch sehr laut HipHop zu hören. Ich habe eine Macke von meinen eigenen Fingernägeln im Gesicht, muss ich wohl nachts mir aufgekratzt haben. Fingernägel sind aber wieder kurz. Sicher ist sicher.
Seit dem Gespräch in der Klinik mit einem lieben Pfleger. Wir sprachen nicht über die Ereignisse, es ging lediglich um mein Empfinden jetzt und wie ich damit umgehen kann. „Wissen Sie ich zweifle meine Erinnerungen an, was wenn ich mir das alles nur ausdenke, was macht das dann aus mir. Je mehr ich zweifle, desto schlechter geht es mir.“ …. „Wenn ich Sie nun jetzt sehe, mit dem Hintergrund, mit den Folgen, ziehe ich Ihre Erinnerungen nicht in Zweifel. Das sollten sie auch nicht tun.“
Das Gespräch war kurz, doch es tat ungemein gut, einfach zu wissen, dass ich nicht alleine bin, dass hat mich beruhigt. Auch das Kind in mir ist ruhiger geworden. Ich entwickle nun keine Zweifel mehr, ich glaube meinen Erinnerungen, so grauenvoll sie auch sind. Mir wird klar, was mein Bruder tat.
Die Bilder kommen nicht mehr ständig hoch. Mein Geist ist freier. Morgen werde ich mit meiner Therapeutin drüber sprechen. Das bereitet mir Angst. Darüber zu sprechen. Doch ich sollte dies tun. Ich darf nicht länger schweigen.
Die Schmerzen im Bein lähmen mich zeitweise, wie schlimmste Wachstumsschmerzen oder Nägel unter der Kniescheibe. Ich bin als Kind in einem Jahr sehr viel gewachsen, 13 cm. Ich kann mich gut an diese Schmerzen erinnern. Das Bein brach ich mir mit 8 Jahren. Ab da wohnte ich im Zimmer meiner Eltern, da es in den ersten Stock zu weit war. Hörte es da auf? Ich war 8 als ich mich daran erinnere, 8 als das Bein brach. Es wundert mich nicht, dass mein Bein schmerzt. Kann ich es beim Namen nennen? Kann ich das? Das böse Wort mit V und Gewalt. Es klingt zu schlimm für das, an das ich mich erinnere. Irgendwie. Nun. Tja. An dieser Stelle ist nur noch weißes Rauschen in mir und ich überlege welche Schuhe ich morgen anziehen will.

Morgen freue ich mich auf die Arbeit und eine neue Woche. Ich mache weiter und lebe weiter. Ich denke an das Jetzt und das Morgen, überlege, wann ich zum Schuster gehe, ob ich eine neue Hose mir kaufe, oder wie ich Sko mit ihrer Wohnung am Besten helfen kann. Ich konzentriere mich auf meine Arbeit, die ich liebe, auf die Dinge, die mir zeigen, dass mein Leben lebenswert ist und das es sich gelohnt hat zu überleben. Nie mehr möchte ich, dass ich mir selber schade, nie mehr die Taten des Täters fortführen. Ich will gut zu mir sein, denn nichts, gar nichts mehr, werde ich opfern.

Mein Herz

Vieles tue ich mit dem Kopf, vor allem denken. Ich zerdenke alles und durchdenke alles, was ich tue. Doch manchmal gewinnt mein wildes Herz. Mein Herz ist ein gütiges und nur allzu oft ein dummes Ding. Doch ich bin reifer geworden. Ich wachse und da ist etwas in mir, was mich die Dinge nüchtern und ja auch buddhistisch sehen lässt. Mein innerer Friede ist mir etwas Wichtiges geworden. Und so gehe ich nicht den einfachsten Weg, sondern den Weg, der mir diesen Frieden stärkt.
Mein Herz ward schwer und alles rief nach meine Abstammung. Doch das war nur das Kind in mir. Und so merkte ich nach nun rund vier Monaten, dass ich bereit bin. Sie sind nicht mehr wichtig. Was sie über mich denken, was sie an mir finden, was sie über mich denken. All das ist mir gleichgültig geworden. Ich brauche sie nicht und kann mein Leben bestreiten ohne sie. In der Not bin mir selbst mein bester Ansprechpartner. Doch ohne sie will ich nicht sein. Ohne zu wissen, dass da eine Verbindung ist, kann mein Herz nicht frei schlagen. Ich habe sie angerufen. Fand klare Worte. „Es war keine leichte Kindheit, leugnet es nicht, ich war einsam und litt. Doch liebe ich euch und werde es immer tun. Ob ihr eine Familie sein wollt, die nur aus und Dreien besteht, ist eure Sache. Meine Geschwister will ich nicht mehr sehen. Meinen Bruder erst recht nicht. Vielleicht erkläre ich es euch mal.“ Ich brauche sie nicht mehr, bin frei von ihnen. Es ist mir egal, was sie von mir denken. Und genau diese Worte brachen das Eis meiner Mutter. Sie lieben mich noch immer, klar habe ich sie verletzt. Ich sagte nur, dass ich wegen ihnen ebenso viel weinen musste.
Will ich sie einladen? Nein. Will ich sie besuchen? Nein. Doch nun weiß ich, dass ich meine Wurzeln nicht kappen muss. Ich habe mich von den Wurzeln befreit und atme die reine Erde um mich herum ein. Strecke meine Äste in den Himmel und wachse, um mich mein Wald aus Freunden und alles was ich mir erschaffen habe. Doch eine kleine Wurzel geht voller Wärme zu meinen Erzeugern. Alles Giftige will ich kappen und zu Grabe tragen. Was bleibt ist die Liebe, die sie mir neben all den anderen Dingen mitgaben. Und ja das gaben sie. „Wir lieben dich, du bist unser Töchterlein.“

Ich lasse diese kleine feine Wurzel zu. Nicht für sie. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern für mein Herz, für meinen Frieden. Sollen sie doch weiter im Sumpf stecken. Sollen sie enttäuscht sein oder unzufrieden. Sollen sie tun was sie wollen. Ich behalte meine Liebe im Herzen und schönen Dinge. Einfach damit ich meinen inneren Frieden habe und die Wehmut in den Himmel entschwinden kann. Dafür waren wir zu eng, dafür ist zu viel passiert, dafür bin ich zu gütig. Ich lasse nicht zu, dass sie mir wehtun können, lasse ihr luftraubenden Wurzeln nicht zu. Ich nehme nur das Gute und verbiete mir alles Schlechte. Und gleichzeitig verbanne ich alle anderen Menschen aus meinem Leben, die die DNA mit mir teilen. Egal was war. Eines sagen alle Profis aus meinem Umfeld. Sie sind bemüht und lieben mich. Nur sind sie an sich selbst gescheitert. Davon lasse ich mein Herz nicht mehr schwer machen. Für mich ist es schmerzhafter nicht zu wissen, wie es ihnen geht, ob sie krank oder gesund sind, als zu merken, dass sie mir nie das geben können, was ich wirklich brauche. Beide Möglichkeiten tun entsetzlich weh. Ich fälle Jene, die mit weniger Schmerz einhergeht. Für meinen inneren Frieden. Liebe ich sie und lasse sie dabei doch nicht wichtig sein. Oder halte sie mir nahe. Denn ich habe mich von der Abhängigkeit befreit.